Ich möchte euch hier von meinen Erfahrungen über meine Oberkiefervorverlegung berichten, da auch mir solche Beiträge geholfen haben, mich zu entscheiden, ob ich diesen großen Schritt wagen will.

Ich bin 16 Jahre und habe die OP in Saarbrücken am Winterberg durchführen lassen, bei Professor Dr. Rodemer. Meine Zahnspange habe ich schon so um die 5 Jahre und bin ein relativ schwerer Fall, da ich mehrere Nichtanlagen im Oberkiefer habe. Irgendwann kam dann das Gespräch auf, dass eine Kiefervorverschiebung Abhilfe schaffen soll und ließ mich beraten.

Das erste Beratungsgespräch war der Horror. Der Arzt meinte er kann den Eingriff machen, wenn ich unbedingt will, aber er empfiehlt mir das nach dem Abitur zu machen, der einzige Hacken wäre, dass ich bis dahin meine Zahnspange tragen sollte. Dazu kam, dass er meinte die Methoden der OP bis ins kleinste Detail zu erklären und über alle Risiken und Nebenwirkungen aufzuklären. Fürs erste war ich wohl ein bisschen geschockt und habe die Möglichkeit der OP sofort ausgeschlossen, doch nach mehrmaligem Überdenken meiner Entscheidung kam ich zu dem Entschluss es doch machen zu lassen.  Ein wichtiger Punkt für mich ist, dass meine Zähne sehr ungünstig standen und genau aneinander vorbeirieben. Ich hatte dadurch schon eine höhere Schmerzempfindlichkeit und hatte auch Angst relativ früh ein Gebiss zu bekommen. Klingt vielleicht ein bisschen lächerlich, aber irgendwann hätte es wohl oder übel dazu kommen müssen. Als ich zum nächsten Termin in der Klinik erschien, war der Arzt wohl ein bisschen überrascht mich wieder zu sehen, weil damit nach meinem letzten Termin wirklich nicht zu rechnen war.

Es wurde alles geplant, die Weisheitszähnchen entfernt, Abdrücke gemacht und die letzten Röntgenbilder aufgenommen. Vor der OP musste ich dann noch einmal zur Vorbesprechung mit dem Narkosearzt gehen und zur Anpassung des Splintes gehen. Der Splint ist eine Plastikschiene, die nach der OP in den Mund gelegt wird und funktioniert wie eine lose Zahnspange. Sie soll nach der OP den Biss führen und die Stellung der Zähne beibehalten.

Dann kam es endlich so weit: Der Tag der OP. Ich war super nervös und hatte auch ein bisschen Angst. Ich kam ins Krankenhaus und wurde in mein Zimmer geschickt um dort zu warten. Dann gefühlten 100 Stunden warten kamen die Schwestern, um mir zu sagen, dass es in einer halben Stunde losgeht und ich die bereitgelegte OP-Kleidung anziehen soll. Richtig tolle Trombosestrümpfe, eine Einwegunterhose und das allseits bekannte OP-Hemd. In diesem Moment hätte ich mein Gesicht gerne gesehen und gelacht. In meinen schönen neuen Klamotten wurde ich dann in die OP-Vorbereitung gefahren, um dort eine Infusion gelegt zu bekommen. Danach ging es ab in den richtigen OP-Saal, wo auch schon der Narkosearzt wartete, eine äußerst nette Person, mit vielen Traumzielen im Gepäck. Diese Leute versuchen einem die Angst zu nehmen und bleiben die ganze OP bei einem. Dann schlief ich ein und das Nächste, was ich sehe, sind die grellen Neonröhren im Aufwachraum. Die OP dauerte um die 2 Stunden und ich fühlte mich wie in die Tonne getreten und schlief auch relativ schnell wieder ein. Ich fühlte mich aufgedunsen und mein Mund war verdrahtet, sodass ich ihn nicht öffnen konnte. Ein komisches Gefühl und im ersten Moment etwas ungewohnt, aber es ist auszuhalten und mit einem Coolpack wird es ein bisschen besser. Dann wurde ich zurück verfrachtet in mein Zimmer, um dort weiter „auszunüchtern“. Dann kamen auch schon nach einem kurzen Schläfchen meine Eltern um nach meinem Zustand zu schauen. Sagen wir mal so, sie waren wohl von meinem Anblick ein bisschen geschockt, aber jetzt hieß es im wahrsten Sinne des Wortes Zähne zusammen zu beißen. Gegen Abend bekam ich dann meine erste „Mahlzeit“ für den Tag: Proteinshake. Den Strohhalm zwischen den Draht der Zahnspange, den Verdrahtungen von Ober- und Unterkiefer und Splint stecken und dann versuchen irgendwie zu trinken. Wenn man weiß wie es geht, dann ist es einfach, aber bis dahin bedarf es sehr viel Kreativität. Erleichtert schälte ich mich aus meiner lieb gewonnen OP-Kleidung und gönnte mir danach noch ein bisschen mehr Gesundheits- und Abschwellungsschlaf.

Nach einer langen und nicht sehr erholsamen Nacht, kam endlich der nächste Morgen. Durch den OP-Beatmungsschlauch, der durch die Nase eingeführt wurde, war alles geschwollen und fing andauernd an zu bluten. Das Atmen fiel mir nicht besonders leicht und ehrlich gesagt, hörte ich mich an wie Darth Vader hinter seiner Maske. Meine Zimmernachbarin tat mir leid. Zum Frühstück gab es 2 Löffel Grießbrei und so eine leckere Schokoladenmilch. Dann kam meine Tante zu Besuch und ich liebe sie einfach. Sie unterhielt mich und obwohl sie mich nicht immer verstand, wenn ich mit ihr redete und blieb doch immer sehr verständnisvoll. Sie blieb noch und wartete bis ich „gegessen“ hatte. Heute gab es eine vortreffliche Tomatensuppe, von der ich leider nicht mehr als zwei Löffel packte. Im Nachhinein eine echte Verschwendung, dass alles wegzuwerfen. Man denkt sich, Kiefer verdrahtet okay…, aber dass es wirklich so schwer ist zu Essen habe ich nicht gedacht. Für was so eine Zunge doch sinnvoll ist, aber stattdessen litten meine Tischmanieren. Am Nachmittag kam noch meine Mutter und brachte liebe Grüße von der ganzen Familie mit. Dann kam heraus, dass ich eine ausgereifte Begeisterung für Eistee habe. Mein Hauptnahrungsmittel für die nächsten Tage war gefunden und ich kann es nur empfehlen, vor allem ist es sehr nährreich. Dann kam das Abendessen, was im Vergleich zu dem meiner Zimmernachbarin bescheiden ausfiel. Einen abgekühlten Fencheltee und ein weiterer Proteinshake, den ich nur zur Hälfte packte. Die Schmerzen waren nicht stark, sodass ich wenig Schmerzmittel benötigte, aber das Atmen fiel mir immer noch schwer.

Die Nacht und auch der nächste Morgen, sowie das Frühstück, unterschieden sich nicht besonders viel von dem vorherigen, bis auf den Punkt, dass ich heute schon ein paar Löffel Grießbrei mehr herunter zwängte. Die Visite an diesem Tag meinte, dass ich wenn, ich unbedingt heim will gehen kann, da ich mich aber noch nicht fit genug fühlte, verneinte ich und genoss noch einen weiteren Tag mit den guten Drogen im Krankenhaus, die jeglichen Schmerz auslöschen. Zusammen mit einer weiteren Patientin, die einen ähnlichen Eingriff hinter sich hatte wurde ich zum Röntgen geschickt und wir begannen uns zu unterhalten. Gut, als richtige Unterhaltung kann man das nicht zählen, aber die Gestik war ausgeprägt und hat man uns als unbeteiligter Beobachter zugeschaut, gewann man wohl den Eindruck wir wären zwei verhaltensauffällige Persönlichkeiten, die aus der Psychiatrie geflohen sind. Die Atmungsprobleme sind auch ihr bekannt gewesen und ich bekam den Tipp, zu versuchen, die Nase mit Wattestäbchen zu reinigen. Ja, wie viel in so einer doch relativ kleinen Nase stecken kann, aber das will ich jetzt nicht weiter thematisieren. Danach ging es mit dem Aufzug wieder zurück auf meine Etage und die Blicke der Mitfahrer waren Gold wert. Keiner weiß was man von einem halten soll und man wird mitleidig angeschaut und man versucht sich vorzustellen, was in diesem Moment in dem Kopf der Leute vorgeht. So habe ich mir dann ab und zu meine Freizeit vertrieben und rannte mit aufgedunsenem Gesicht über den Gang. Dann kam meine beste Freundin, mit ihrer älteren Schwester zu Besuch, die auch deutlich geschockt von meinem Zustand waren und sich erst an meine seltsame und nicht vorhandene Aussprache gewöhnen mussten. Wir setzten uns in Bistro des Krankenhauses und ich trank meine neue Lieblingsmahlzeit, hörte mir den neuen Klatsch und Tratsch aus der Schule an und was man in den letzten beiden Tagen verpasst hat. Später stießen meine Mutter und meine Schwester dazu und ich löffelte meine Brokkolicremesuppe (zu einem Drittel) aus. Unter dem Zwang meiner Mutter musste ich noch ein Wassereis essen, was sich als relativ schwierig herausstellt ohne Zunge, um den mittlerweile auf Monstergröße angeschwollenen Kopf von innen zu kühlen. Sehr, sehr, sehr miese Idee und bei einer Verdrahtung ist es nicht sehr empfehlenswert, egal was die Mutti sagt. Als Rache musste sie es aufessen. Nach einem weiteren Grießbrei, der mir langsam zum Hals raushing, ging auch dieser Abend zu Ende und die mir allseits verhasste Nacht begann. Schlafen klappt nur, wenn man in einem Winkel liegt, der größer als 45° ist. Doch zu meiner Überraschung war diese Nacht, dank des Wattestäbchentricks, sehr ruhig und auch erholsam.

An diesem Morgen kam schon vor dem Frühstück die Visite, die auch heute ihr okay gab mich zu entlassen, was ich dankend annahm. Ausgestattet mit einem Päckchen Antibiotikum durfte ich die Klinik verlassen und meine Coach, mein ein und alles, rückte näher. Was mich wunderte ist, dass ich bei meiner Entlassung noch nicht mal ein Schmerzmittel bekam, sodass ich daheim nur im Mörser gemahlene Paracetamol zu mir nehmen konnte. Der Rest des Tages gestattet sich als relativ ereignislos und ich steigerte meine Essenzufuhr langsam. Besonders empfehlen kann ich nur selbst gemachte Tomatensuppe, Früchtebabygläschen (schmecken echt gut, aber das Selbstwertgefühl leidet zwangslos), Proteinshakes und natürlich Eistee. Auch die nächsten Tage verliefen ähnlich und die Leute, die mich mit ihrer Anwesenheit erfreuten, waren sichtlich von meinem Zustand geschockt, aber hatten mit der Kombination Hamsterbacken und fehlgeschlagene Kommunikation immer was zu lachen.  

Dann kam der sechste postoperative Tag, der mir schwer zu schaffen machte. Mich nervte einfach alles. Der Splint. Die Schwellung. Die fehlgeschlagenen Kommunikationsversuche. Ich hatte verdammt noch mal Lust auf ein Schnitzel. Auf ein gutes saftiges leckeres Schnitzel! Mit Rahmsoße! Dazu kam der Tablettencocktail, denn ich immer noch einnehmen musste. Ich wollte einfach nur die Drähte aufgeschnitten bekommen.

Am nächsten Tag stand der Kontrolltermin an und das war das erste Mal, dass ich mich darauf freute. Zuerst wurden die Fäden gezogen und es klingt echt lächerlich, aber ich musste heulen. Die Arzthelferin klemmt den Spiegel genau an die Stelle, an der die Naht verlief und sich ins Zahnfleisch bohrte. Als sie fertig waren, wurde ich dennoch gelobt. Danach wurden dann endlich die Drähte aufgeschnitten und ich konnte endlich wieder meinen Mund aufmachen. ENDLICH! Ich konnte ihn einen halben Zentimeter aufmachen und alles verkrampfte sich. Ich war schockiert. Der Arzt meinte, das wird sich bessern und ich solle den Splint solange tragen, wie es mein Kieferorthopäde anordnet, dabei wurde er nur lose auf den Unterkiefer aufgelegt. Auf der Fahrt habe ich dann gemerkt, dass das mit dem Sprechen wieder besser klappt. Daheim gab es dann Essen. Ein Babygläschen mit Spaghetti. Mit ein bisschen Salz, Pfeffer, Maggi und Co wird daraus ein leckeres Menü, was es sich zu essen lohnt. Yummi! Jetzt wo ich den Mund wieder aufmachen kann, ist es auch einfacher Tabletten zu schlucken und gegen die Schwellung gibt es jetzt Bromelain.

Meine Kieferorthopädin übernimmt jetzt die Nachsorge und zwei Wochen nach der OP durfte ich dann auch den Splint rausholen. Jetzt wird noch der letzte Feinschliff ausgeführt und die Platten rausgenommen. Dann bin ich das ganze Metall im Mund endlich los und kann meinen Mund schön präsentieren. Jetzt ca. 5 Wochen nach der OP, vorher bin ich leider nicht dazu gekommen hier alles aufzuschreiben, kann ich wieder Sport machen und esse wieder normal. IHabe es langsam von Gläschen über Toastbrot gesteigert. Bei Brot kann man die Kruste abschneiden oder auch in Kaffee oder Tee tunken. Werdet kreativ und lasst es euch schmecken. Das Einzige was ich bisher vermieden habe wie die Pest, ist es ein Stück aus einem Apfel abzubeißen, probiere ich aber bald aus.

ch weiß schon seit längerer Zeit, dass man die Platten spüren kann, aber ich merke auch einen "Abatz" im Knochen, an dem das Gebiss nach vorne gesetzt wird. Ich will hier echt keinem Angst machen, bei mir ist alles wunderbar verheilt, es ist denke ich mal normal, dass man die Narbe noch längere Zeit sieht, aber merke jetzt keine besonderlichen Beeinträchtigungen.

Danach waren meine Erlebnisse nicht so spektakulär, dass es sich jetzt lohnt sie hier aufzuschreiben. Ich kann euch nur empfehlen, euch gut beraten zu lassen und die Entscheidung wirklich zu überdenken. Mir hat es geholfen mit Bekannten darüber zu reden. Macht es einer nur aus den Gründen, weil sein Gesicht nicht „symmetrisch“ genug ist, würde ich davon abraten. Man sieht zwar eine kleine Veränderung, aber bei mir ist sie jetzt nicht weltbewegend, aber es ist unglaublich wie es aussieht und sich anfühlt, wenn der Kiefer weiter vorne steht. Am Anfang sollte man darauf achten, dass man sich beim Trinken nicht direkt das Glas an die Schneidezähne schlägt. Man liest in diesem Forum über mehrere Fälle von Taubheit, welche auch bei mir auftauchte aber auch relativ schnell wieder nachließ, nur noch die Nasenspitze ist taub. Ich bin auf jeden Fall sehr zufrieden mit dem Ergebnis und würde es jetzt im Nachhinein wieder machen. Und niemals die Hoffnung aufgeben und durchhalten und viel Erfolg für bevorstehende OPs. Und immer schön Babygläschen, Wattestäbchen und Eistee bereithalten, wenn ihr es wirklich plant.

 Ich berichte euch auch davon, wie lange ich die Spange noch tragen muss und die Plattenentfernung ist. Hoffe ich konnte einigen von euch helfen und es freut mich wenn ihr das alles wirklich durchgelesen habt. Sorry, für irgendwelchen Zeichensetzungs- und Rechtschreibfehler.

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Hey, 

ich bin 19 Jahre und war am Montag bei Dr Rodemer zur Beratung.

Würde mich gern mit dir austauschen, wäre schön wenn du zurück schreibst. 

Dann erzähl ich dir mehr,  möchte nicht hier einen ewig langen Text schreiben,wenn du ihn dann nicht liest :)

Weiß ja auch nicht wie aktiv du in dem Forum bist :)

 

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