Horse M.D.

Zahnfehlstellungen: Krankheit oder Normabweichung?

43 Beiträge in diesem Thema

Deutschland liegt ganz weit vorn, was den Umfang der kieferorthopädischen Behandlung in der Bevölkerung betrifft

 

Ein junger Forscher hat nun den Nutzen der KFO-Behandlung grundsätzlich in Zweifel gezogen und so prompt seinen Job verloren:

 

http://www.spiegel.de/gesundheit/diagnose/zahnspange-kritik-an-kieferorthopaedie-unerwuenscht-a-1037018.html

 

Interessant an dieser Entwicklung ist, dass Kiefer- oder Zahnstellungs-Anomalien erst seit 1972 als Krankheit gelten. Die Studie einer Bundesbehörde

 

http://portal.dimdi.de/de/hta/hta_berichte/hta205_bericht_de.pdf

 

 

stellt das Problem der "angebotsinduzierten Nachfrage" in den Raum und erklärt, dass die Studienlage nicht ausreichend ist, um der Kieferorthopädie einen Nutzen im Sinne einer signifikanten Verbesserung der Zahngesundheit zu attestieren.

 

Wie denkt ihr darüber? Gibt es kritische Stimmen? Ich habe hier von vielen Patienten gehört, die selbst mit dem Ergebnis ihrer kieferorthopädischen Behandlung mehr als unzufrieden sind. Sie sind z.T. seit bis zu zehn Jahren in Behandlung und haben drei verschiedene Therapiekonzepte hinter sich gebracht haben, jedes Mal mit der (letztendlich enttäuschten) Hoffnung, am Ende mit einem funktionalen und dauerhaft stabilen Ergebnis die KFO-Praxis für immer zu verlassen.

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Schon allein der Begriff "Krankheit" ist ein Eigenkreation des Menschen. Der Mensch allein definiert, was krank und was gesund ist. Die Natur kennt diese Kategorie überhaupt nicht.

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Eine Zahn- oder Kieferfehlstellung würde ich nicht als Krankheit bezeichnen. Es sind genetische und umweltbedingte Abweichungen von der Norm. Was ja nicht unbedingt schlecht sein muss. Ohne Abweichungen von der Norm würden wir entsprechend der Evolutionstheorie noch heute als Einzeller im Urzeitmeer vor uns hin dümpeln, oder?!?

Ich bin mir auch sicher, dass man gegen die Gene auf Dauer nichts machen kann. Ohne Retainer, die die Zähne fixieren, würden unsere Zähne früher oder später wieder so stehen wie eh und je. Und beim Kiefer wäre das nach etwas längerer Zeit sicher auch so.

Ich habe die Erfahrung bei meiner ersten KFO-Behandlung im Kindesalter gemacht. Meine Zähne standen hinterher für den Laien perfekt. Retainer waren damals wohl nicht üblich, oder wurden uns nicht angeboten. Und nach ein paar Monaten standen meine Schneidezähne unten wieder schräg, wie bei meinem Papa, meiner Oma und meiner Ur-Oma…

Daher hätte ich auch nie etwas daran ändern lassen, hätten mich die ständigen Kopfschmerzen nicht dazu getrieben… und wir haben Glück, dass die fehlerhafte Kieferstellung und ihre möglichen Folgen anerkannt sind und  als „Krankheit“ gelten und damit die Behandlung von der Krankenkasse gezahlt wird…

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Willst du die realistische oder die idealistische Einschätzung, Horse?

 

Idealistisch betrachtet: Man kann schon besser Kauen, man kann die Zähne besser pflegen und die Zähne werden weniger abgenutzt und weniger bzw. gleichmäßiger belastet.. 

 

Realistisch: All diese Aspekte interessieren meiner Meinung nach einen Großteil der Patienten einer KFO-Praxis doch überhaupt nicht im Ansatz, es geht und es ging bei KFO immer auch um das Aussehen. Wer geht mit seinem Kind zum KFO weil er sich denkt: Ach, nicht dass dem Kind später noch das Kiefergelenk wehtut oder die Zähne abgenutzt werden. Der Grund dort hinzugehen ist, dass das Kind so gut wie möglich aussehen soll. Es soll normal aussehen, weil es in dieser Gesellschaft normal ist, perfekte Zähne zu haben. Je länger ich mich mit dem Thema beschäftigt habe, umso klarer wurde mir, dass KFO vor Allem eine Möglichkeit zur Selbstoptimierung in Bezug auf die Optik ist. Die wenigsten Patienten haben so schlimme Probleme, dass sie ganz sicher ernsthafte gesundheitliche Probleme davontragen würden. Diese gibt es natürlich, aber die Masse dürfte das nicht sein. Hier gibt es natürlich im Schnitt viel mehr Leute mit richtigen Problemen. Deswegen sind die Leute ja auch hier. Gibt es eine Statistik wie viele Non-OP-Patienten auf OP-Patienten kommen? Das wäre durchaus interessant. 

Im Prinzip ist eine Zahnspange beim Durchschnittsträger nichts anderes, als sich eine schiefe Nase korrigieren zu lassen o.Ä.. Auch eine solche funktioniert im Prinzip meist einigermaßen mit leichten Einschränkungen (meist sogar größeren als schiefe Zähne sie verursachen), sieht aber vor allem auch bescheiden aus. Mit einem Unterschied: Die Schönheits-OP ist  viel verpönter, weil blutig und offensichtlich radikal. KFO hat es geschafft in vielen Fällen eine Beauty-Methode zu sein, aber immer als dringend notwendige medizinische Therapie vermarktet zu werden. 

Eine Kiefer und Zahnfehlstellung ist für mich in dem Sinne aber schon eine Krankheit. Wie bei allen Krankheiten ist es eine Abweichung vom Durchschnitt, die Funktion ist  insgesamt oft etwas schlechter als beim Ideal, damit ist es eine Art "Krankheit". Allerdings ist es in vielen Fällen eben keine relevante. So wie man eine leichte Fehlsichtigkeit auch nicht gleich lasern lassen muss, muss ein schiefer Zahn nicht unbedingt sofort begradigt werden. Mit der Argumentation von oben weiter könnte man den Begriff Krankheit nie anwenden. Aber Fakt ist, dass die Evolution beim Menschen ein symmetrisches, ideal verzahntes Gebiss hervorgebracht hat (als Hauptphänotypen). Das bedeutet, dass dieses schon auf lange Sicht Vorteile gehabt haben muss. Selbst wenn sich das Ganze vor allem über die sexuelle Selektion in der Population der "Urmenschen" so herausgebildet hat, bedeutet das auch, dass Menschen ein regelgerechtes Gebiss schon lange Zeit als Zeichen für Gesundheit und gute Gene bewertet haben. Diese Bewertung wiederum muss ja irgendwie entstanden sein. 

Und wenn man mal im Alltag beobachtet, dann stellt man schnell fest: Wer von Natur aus perfekte Zähne hat, hat meist auch eine ideale Positionierung der Kiefer zum Gesicht, sieht dementsprechend gut bis teilweise unverschämt gut aus, sodass es schon verständlich wirkt, wieso unsere Urahnen sich offenbar lieber mit einem Klasse-I-Gebiss-Träger fortgepflanzt haben als mit anderen Phänotypen ihrer Spezies. 

 

Zu dem Artikel kann ich nur noch sagen: KFOs haben meiner Erfahrung nach eine sehr starke Lobby aufgebaut. Das ist ihr gutes Recht und schlau von ihnen. KFO  ist  außerdem auch nicht der einzige Zweig der Medizin wo die eine oder andere Schönheitsbehandlung als medizinisch alternativlose Heilung durchrutscht, vermutlich aber einer der massenmäßig größeren. 

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Eine Krankheit ist eine Störung der normalen physischen oder psychischen Funktionen, die einen Grad erreicht, der die Leistungsfähigkeit und das Wohlbefinden eines Lebewesens subjektiv oder objektiv wahrnehmbar negativ beeinflusst. Die Grenze zwischen Krankheit und Befindlichkeitsstörungist fließend.

 

Demnach wäre es dann schon eine Krankheit, denn die Leistungsfähigkeit des Kausystems ist bei einer schlechten Okklusion sogar ganz objektiv schlechter. Die Optik-Abweichungen hingegen sind dann wohl eher die subjektive Komponente. 

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Das ist auch eine interessante Frage: Kann eine Optik-Abweichung überhaupt Krankheitswert haben?

 

Sicherlich nur dann, wenn sie zusätzlich zur Beeinflussung des Wohlbefindens auch eine Störung der normalen physischen / psychischen Funktionen darstellt. Da das Gesicht einen erheblichen Beitrag zur sozialen Interaktion leistet, kann eine eklatante Kiefer- oder Zahnfehlstellung durchaus störend sein.

 

Zum Thema sexuelle Selektion: Ich würde den Effekt gar nicht mal so stark einschätzen wie du, leviathan. An erster Stelle steht sicherlich die Ontogenese: Noch vor ein paar Jahrhunderten hatten viel mehr Leute eine gesunde Verzahnung als heute. Dr. Mew führt den Anstieg der Fehlstellungen auf die sich ständig verringernde Belastung des Gebisses seit der industriellen Revolution zurück. Ein anderer Effekt, den du möglicherweise auch unterschätzt, ist die natürliche Selektion. Primaten mit Kieferfehlstellung dürften Schwierigkeiten gehabt haben sich in Notzeiten zu ernähren und könnten auch Nachteile bei der Verteidigung gegen Feinde gehabt haben. Die Kiefer von Schimpansen sind dementsprechend auch noch viel stärker, sie haben ein ausgeprägtes Vorgesicht und deutlich kräftigere Eckzähne, die von entsprechenden knöchernen Strukturen gestützt werden.

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Das Problem ist: Was du gepostet hast ist eine Definition von "Krankheit", und schon die ist so schwammig, dass man alles Mögliche dareininterpretieren kann.

Hinzu kommt aber, dass man "Krankheit" auch noch anders definieren kann. Wer kann sich anmaßen, die einzig wahre Definition des Begriffs zu haben?

Ich kann mir auch eine Definition aus den Fingern saugen - warum sollte die besser oder schlechter als jede andere sein?

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Meiner Meinung nach wäre es nur eine Krankheit, wenn dadurch Probleme auftreten, z.B. "Abnutzung" vom Kiefergelenk oder sonstige Schmerzen, Ausfallen der Zähne etc..

 

Es gibt Leute mit riesigem Über/Unterbiss die damit prächtig und entspannt leben können und sich nie operieren lassen würden. Dann gibts Leute mit krummen Nasen, keine Kasse zahlt die Begradigung dieser. Wenn die Krumme Nasenscheidewand aber die Atmung stark beeinträchtigt sieht es wieder anders aus und es wird operiert und gezahlt. Finde ich richtig so..

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Es gibt aber auch Fälle, in denen die Krankenkasse sogar für plastische Chirurgie aufkommt, wie z.B. bei Fehlbildungen im Gesichtsbereich, FFS (facial feminization surgery), Brustimplantate nach Amputationen, etc.

 

Dabei ist die Indikation die Herstellung bzw. Wiederherstellung eines "normalen" Aussehens. Also kann eine eklatante Abweichung vom "normalen" Aussehen durchaus Krankheitswert haben, das ist Konsens und wird von den Krankenkassen so auch akzeptiert (ggfs. natürlich mit Unterstützung der Gerichte z.B. im Fall einer Geschlechtsumwandlung).

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Sancho, du Nihilist!

 

Worauf willst du denn eigentlich hinaus?

Dass es eigentlich keine Antwort auf die Frage gibt.

 

In der Vergangenheit wurde Homosexualität als Krankheit verstanden, bzw. wird es in vielen Ländern immer noch.

 

Erst heute von Legasthenie gelesen, dass es in Abi-Zeugnissen nicht erwähnt werden darf. Leute die also nicht richtig schreiben können, haben also schon mal 'ne Krankheit. Wenn ich so drüber nachdenke: Schon lustig, wie Homosexuelle darauf bestehen, gerade nicht krank zu sein, wohingegen bei Legasthenikern geradezu darauf bestanden wird, dass sie eben nicht doof sondern nur krank sind.

 

Bestimmt lässt sich auch noch 'ne Krankheit finden für Leute, die in Bio oder Französisch schlecht sind ... Frankophobie?

 

Oder wie wär's mit einer Krankheit für Menschen, die ganz einfach hässlich sind? Malformilie?

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Das ist auch eine interessante Frage: Kann eine Optik-Abweichung überhaupt Krankheitswert haben?

.

Zum Thema sexuelle Selektion: Ich würde den Effekt gar nicht mal so stark einschätzen wie du, Leviathan. An erster Stelle steht sicherlich die Ontogenese: Noch vor ein paar Jahrhunderten hatten viel mehr Leute eine gesunde Verzahnung als heute. Dr. Mew führt den Anstieg der Fehlstellungen auf die sich ständig verringernde Belastung des Gebisses seit der industriellen Revolution zurück. Ein anderer Effekt, den du möglicherweise auch unterschätzt, ist die natürliche Selektion. Primaten mit Kieferfehlstellung dürften Schwierigkeiten gehabt haben sich in Notzeiten zu ernähren und könnten auch Nachteile bei der Verteidigung gegen Feinde gehabt haben. Die Kiefer von Schimpansen sind dementsprechend auch noch viel stärker, sie haben ein ausgeprägtes Vorgesicht und deutlich kräftigere Eckzähne, die von entsprechenden knöchernen Strukturen gestützt werden.

Das Vorgesicht hat sich evolutionär zurückgebildet, dafür kam die Speekurve hinzu. Ein starkes Vorgesicht brauchte Homo Sapiens also offenbar nicht für ein sicheres Überleben.

Glaubst du die Stoßzähne von Elefanten sind so super funktionell? Oder die bunten Federn beim Pfau? Die Mähne beim Löwen? Viele Tiere entwickeln Merkmale die unnütz und oft sogar nachteilig sind, aber durch die Partnerwahl hervorgebracht wurden. Beispiel blaue Augen. Die Partnerwahl ist im Tierreich genauso ein Teil der natürlichen Selektion wie das reine Überleben. Oft bedingt sich das direkt (breite Schultern und massive Kiefer = kräftiger Beschützer) , manchmal seltsam indirekt (unnütze Federn beim Pfau.. Je schöner und größer desto besser die Gene denkt das Weibchen) Das liegt daran, dass die genetische Rekombination der Schlüssel zu einem großen und gesunden Genpool ist. Das dürfte beim Urmenschen auch so gewesen sein, wie es bei allen Tieren ist..

Ich führe die Mehrung von Fehlstellungen persönlich eher darauf zurück, dass wir heute auch 80 werden wenn wir nicht die Fittesten sind, die die allerbesten Gene abbekommen haben. Noch vor 100 Jahren wären beträchtliche Anteile von uns nicht erwachsen geworden, bereits als kleines Kind verstorben. Gott sei Dank ist dies nicht mehr so, aufgrund eines wahnsinnigen medizinischen Fortschritts. Natürlich traf es früher mehrheitlich die weniger gesunden Menschen mit der unvorteilhafteren genetischen Ausstattung. Es fällt doch schon auf, dass Leute mit drastischen Kieferfehlstellungen häufig auch weitere Probleme und Imperfektionen haben. Das führt wieder zur Frage wie eigentlich solche Fehlstellungen entstehen. Es ist doch unwahrscheinlich, dass die komplette Entwicklung perfekt läuft, aber der Kiefer packt es nicht. Meist bucht man noch ein paar andere Sachen mit. Das dürfte daran liegen, dass die Embryonalentwicklung sequenziell die Ontogenese widerspiegelt, die DNA vor allem als zeitlicher Ablaufplan bei der Entwicklung eines Organismus funktioniert. Wenn es irgendwo harkt, führt das meist auch an mehreren Stellen zu Konsequenzen. Soweit ich weiß, kann Mew seine These nicht beweisen, was ich natürlich so auch nicht kann. Aber "früher" gab es vermutlich auch kaum stark fehlsichtige Menschen. Weil sie ihre Augen mehr benutzt haben? Wohl eher, weil Blindschleichen halt wenig fit waren und drastische Nachteile hatten. Mit meinen Augen wäre ich vor 200 Jahren vermutlich ziemlich aufgeschmissen und hilflos. Wahrscheinlich wäre ich nicht sehr alt geworden, und viele Kinder hätten hingegen die mit funktionalen Augen bekommen. Evolution ist langsam, genetisch sind ein paar Jahrhunderte gar nichts. Das heißt, es gab all diese Genotypen und Phänotypen auch vor 500 Jahren schon, aber die Verteilungskurve änderte sich. Ich denke aber nicht, dass dies an der Nichtbenutzung liegt. Kieferfehlstellungen, Allergien, Fehlsichtigkeit und Co. sind für mein Gefühl oft eher Begleiterscheinung des großen medizinischen und humanitären Fortschritts. Ein Phänomen wie Krebs, das in früheren Zeiten der Menschheitsgeschichte einfach weniger auffiel. Somit wäre es dennoch eine Zivilisationskrankheit (im Sinne von zivilisations-aufgedeckt und nicht zivilisations-induziert). Und die anderen Zivilisationskrankheiten werden auch behandelt. Das spricht ja eigentlich für Kfo oder?

Außerdem gibt es ja offenbar auch Fehlstellungen, die eindeutig großteils habituell oder anders erworben sind. Hier nicht einzuschreiten, wäre schon schwer zu rechtfertigen finde ich. Insgesamt ist das alles kein einfaches Thema. Ich glaube ein absolut sinnvolles System dafür zu erschaffen, dass perfekt zwischen medizinisch sinnvoll und nicht sinnvoll unterscheidet, ist nicht möglich. 

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"Dumm nur: Der Stellplatz verschwand, doch die Zahnformel "32" blieb und mit ihr die Frage "Wohin mit den vielen Zähnen?". Eine Antwort ist uns die Evolution bislang schuldig geblieben, und so kommt es, dass wir mit allerlei Drähten, Spangen und Schrauben aus den Dentallabors dem Lauf der Dinge die Stirn bieten müssen."

 

Die Antwort gibt es doch teilweise schon: Viele Kinder haben nicht mehr alle oder gar keine Weisheitszähne, manchmal fehlen auch die 5er oder die 2er ;-) Blöd nur, wenn irgendwo asymmetrisch einfach mal ein Zahn (wie z.B. bei mir) fehlt, aber wir wissen ja: Der Weg ist das Ziel. 

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Vielleicht sollten wir diesen Thread mal wieder "nach oben bringen" in die aktuelle Diskussion. Er transportiert ja grundsätzlich wichtige Information und hat nicht bloß Unterhaltungswert. Und da in letzter Zeit hier wieder viele Leute fragen, ob KFO-Behandlung oder gleich ne richtige OP, sei ihnen diese Lektüre hier ans Herz gelegt.

LG

Horse

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Irgendwas machen wir falsch. Forschungen an Schädeln haben ergeben, dass im Mittelalter weit über 90% ein eugnathes Gebiss hatte, 32 Zähne hin oder her. Entweder war das wirklich die ''Elite'' wie Leviathan meint oder Faktoren wie elterliches Vorbild und weiteres sind doch relevanter. Ein großer Irrtum waren auch Fluorid-Tabletten. Wer die genommen hatte, musste auch öfter zum KFO, was unter anderem davon kommt, dass die Zähen später ausfallen und die bleibenden dann wohl schlechter reinwachsen.

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Richtig, und der entscheidende Unterschied zum Mittelalter waren wohl nicht die Gene, sondern die Ernährung. Heutzutage essen wir Sandwiches, Kartoffelmus, Joghurt, trinken Smoothies und Latte Macchiato. Beim Fleisch geht der Trend auch schon länger von "altes Pferd" in Richtung Hühnerbrust (jaa,  :712:@CarinchenBienchen !!!), und auch das schneiden wir dann auch noch klein. Früher haben die Leute schonmal direkt von der rohen Keule abgebissen und in ärmlicheren Zeiten einfach Grassamen gekaut, um über die Runden zu kommen.

 

Die Theorie, die deshalb ja u.A. auch von Mike Mew vertreten wird, ist die: Unser Gebiss degeneriert, wenn es in der Kindheit und Jugend nicht ausreichend beansprucht wird. Darum setzen die kieferorthopädischen Maßnahmen ja auch idealerweise kurz vor oder während der Pubertät an: Weil man zu dem Zeitpunkt nicht nur die Zahnstellung, sondern das Knochenwachstum durch geeignete Apparaturen günstig beeinflussen kann.

 

Doch eigentlich sollte man seinen Kindern, lange bevor es dazu kommt, viel zähes Fleisch, Nüsse und harte Kaugummis zum bzw. nach dem Essen geben. Das hätte sicherlich schon so manchem pickligen Teenager in dern letzten 4 Jahrzehnten diese hässliche Spange erspart.

 

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Carinchen, Du warst doch die mit dem Vogelgesicht, oder?

 

Was bedeutet das hier:

> geht der Trend auch schon länger von "altes Pferd" in Richtung Hühnerbrust

... dann wohl für dein Fleisch bzw. für mein Fleisch? :D 

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Hah ja, die Alte bin ich! Aber ich würde niemals vom Köpfchen auf die Brust schließen. :D 
Übrigens präferiere ich die komplette tierfreie Ernährung. Beiße also eher ins Gras, als in eine Keule. :D
Das erklärt wahrscheinlich dann auch mein Gesicht. :huh:

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Naja.. im Mittelalter hatte vermutlich auch nicht gefühlt jeder zweite eine Brille oder eine Allergie... Wir sollten darüber spekulieren, dass unser Versuch die natürliche Auslese auszutricksen in Form von Medizin usw. am Ende zur genetischen Degeneration führt. Vieles sind natürlich auch Zivilisationskrankheiten, die aus unserer Umgebung kommen aber viele von uns wären vor 200 Jahren einfach brutal gesagt schon gestorben, bevor sie sich jemals hätten fortpflanzen können. Ich glaube ich muss nicht erwähnen wie viele Kinder z.B. in einigen afrikanischen Ländern sterben. Die Sterblichkeit im Mittelalter war ebenfalls gigantisch. Wer genetisch rundum gut ausgestattet ist, hat dann wohl meist auch nen schönen Kiefer, bzw. keine Angewohnheiten, die dem im Wege stehen. Wie viele Menschen von 100 Personen kommen wohl bis zu einem Alter von sagen wir 20 ohne ein einziges Antibiotikum, ohne eine Operation und alles was früher noch tödlich war? Und das bei der katastrophalen Hygiene im Mittelalter. Ohne Medizin muss man schon eine natürliche Zähheit besitzen, um 20-25 zu werden oder? Alles muss unter solchen Bedingungen optimal laufen. Die Mutter muss eine natürliche Geburt haben, die sie und das Kind überlebt, die muss genug Milch produzieren, sie muss dabei selbst genug Nahrung haben. Sie muss den Säugling großziehen, der darf nicht krank werden und muss genug zu essen bekommen. Dann muss er (früher) um die 16 Jahre alt werden und muss dann fit und attraktiv genug sein, um wieder einen Partner zu finden.. Ganz schön viele Stationen wo alles optimal laufen muss. Ich wäre schon auf der Stufe Säugling verhungert, weil das mit dem Stillen schon mal nicht lief :wink: 

Je schlauer wir werden, je mehr wir therapieren können, desto mehr werden wir therapieren müssen. Das ist eigentlich ein Teufelskreis. Gäbe es nicht den Faktor der sexuellen Selektion, die in den letzten Jahren genauso stark gewachsen ist wie die Selektion über "Gesundheit" gesunken ist, würde es vermutlich noch schneller gehen. Aber heute akzeptiert ja fast jeder nur noch den optisch optimalsten Partner..

Aber inzwischen sind wir ja so schlau geworden, dass wir unseren Genpool aktiv verändern könn(t)en. Irgendwann wird es, so fürchte ich,  genauso normal sein, das optimale Kind zu "bestellen" wie es heute normal ist, sich ne Brille zu holen wenn man nicht gucken kann. CRISPR/Cas9 Genome Editing lässt grüßen..

Zur untypischen Ernährung sei an dieser Stelle noch zu sagen, dass unsere Anatomie definitiv nicht die eines reinen Pflanzenfressers ist. Aber wie man sieht, nicht mal mehr daran haltet ihr euch. Der Mensch ist also völlig außer Kontrolle geraten :wink: 

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Hey Levi!

Schön mal wieder was von dir zu hören! Warst wohl auf Tauchstation, weil dir das Niveau hier zu niedrig war? ^^

 

vor 34 Minuten schrieb leviathan:

Gäbe es nicht den Faktor der sexuellen Selektion, die in den letzten Jahren genauso stark gewachsen ist

Glaubst du da jetzt tatsächlich dran? Bzw. bist du dir sicher, dass das tatsächlich so ist?

Wenn ich mir nämlich so ansehe, wer in den Sozialbauvierteln und auf dem Rest dieses Planeten die meisten Kinder bekommt, während sich die Eliten mehr und mehr aus der Bestandserhaltung zurückziehen, dann kann ich mir nicht vorstellen, dass es tatsächlich die sexuelle Selektion ist, die die Überlebensfähigkeit der Spezies Mensch in den nächsten 200 Jahren sicherstellt.

 

Auch sind ja die genauen Effekte der sexuellen Selektion bis heute noch stark umstritten. In den dreißiger Jahren hielt man eine Durchmischung der Arten noch für schädlich (ja, die pseudowissenschaftlichen Abhandlungen jener Zeit benutzten auch den Begriff "Degeneration"), wohingegen man inzwischen weiß, dass sich das Risiko für einige Erbkrankheiten bei rassenübergreifender Fortpflanzung deutlich verringert.

 

Ich glaube, dass die Qualität des Genoms in den reichen Nationen eher noch abnehmen wird, weil die medizinische Versorgung so gut ist.

Und natürlich, dass wir (CISPR-Cas9 sei Dank) in naher Zukunft Gendefekte auch sehr gezielt und ganz ohne Selektionsprozesse werden eliminieren können.

 

 

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Sexuelle Selektion bedeutet ja auch, dass du einen Partner suchst, der für dich attraktiv ist. Und was findest du attraktiv? Jemanden, der schlechte Haut hat, fett ist, nicht gucken kann und schiefe Zähne hat? Nein, du findest alles das schön, was für Jugend und Gesundheit  und am Ende unterbewusst gute Gene steht. Man beobachtet doch, dass in Zeiten von Tinder und Co. die sehr attraktiven Menschen plötzlich wieder einen Partner nach dem nächsten abschleppen, während hässliche Menschen das eben nicht tun und eigentlich kaum noch eine Chance auf Dates oder so haben. Wir verhalten uns da also plötzlich wieder wie "die Tiere" .. 

Der Partner mit dem man heute noch Kinder kriegt, muss schon "perfekt sein" bei vielen. Wenn du bei Tinder wischst, dann suchst du nur  die "bestmöglichen" Leute aus und das ganz allein an Hand phänotypischer Merkmale. Früher wurde oft nach Status ausgewählt. Die Krankenschwester wollte den Arzt, die Flugbegleiterin den Piloten. Ob er gut aussah war nicht so wichtig. Heute sind beide Partner selbstbewusst und unabhängig. Zweckbeziehungen sind selten, gesellschaftlicher Druck verheiratet sein zu müssen existiert nicht. Sexuell sind wir viel enthemmter, weil die Religion bedeutungslos geworden ist. Ich bin mir schon sicher, dass hier sexuelle Selektionsmechanismen feigeschaltet werden, die wir sonst unterdrückt haben, oder besser gesagt von denen wir uns nicht leisten konnten, ihnen so hohe Bedeutung zu geben. Ich glaube, dass diese "tierische" Art und Weise der Partnersuche (das Weibchen sucht das stärkste und schönste Männchen aus) schon dazu führt, dass es gewisse Selektion gibt. Ob das reicht um uns davor zu bewahren irgendwann alle mit Brille, Zahnspange und Ceterizin rumzulaufen, bezweifel ich auch :wink: 

Zu deinem Punkt: Was ist die schärfste Waffe der Evolution? Die Rekombination, also die spontane Erzeugung neuer genetischer Variationen. Nur dafür wurde die sexuelle Fortpflanzung ja irgendwann erfunden. Je größer der Genpool, umso breiter ist eine Population aufgestellt. In der Biologie spricht man vom sogenannten Flaschenhalseffekt, wenn sehr große Teile eines Genpools verloren gehen. Manchmal hat das zur Entstehung neuer Arten geführt, meistens führt sowas aber eher zum Aussterben einer Art wegen des verkümmerten Genpools. Je weniger Varianten, desto weniger Anpassungsfähigkeit. Deswegen ist es zB. völlig sinnlos wenn man versucht aus 200 noch lebenden Nashörnern eine neue Population zu züchten. Genetisch ist die Population einfach tot, weil viele Varianten für immer verschwunden sind.

Ich denke genetisch betrachtet, ist Einwanderung somit äußerst sinnvoll. Immerhin sind wir alle Individuen einer einzigen Art homo sapiens ;)  Die Natur hat sich wohl was dabei gedacht, dass du jedes Chromosom einmal von der Mutter und einmal vom Vater hast. Und um es noch ein bisschen spannender zu machen, hat sie sich dann noch sowas wie Crossing Over zwischen Chromosomen überlegt. 

 

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Herzlichen Glückwunsch zum 1000. Posting!
 

Zum Inhaltlichen sag ich dann später noch was.

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