goro

Ein harter Weg

Als ich in meiner Jugend meine erste Spange abbekam, wurde mir gesagt, dass mein Unterkiefer viel zu weit hinten liegt und ich mir so im Alter von 18 Jahren Gedanken um eine Vorverlagerung machen sollte. Als ich dann tatsächlich so alt war, ließ ich mich von meiner Familie überreden, das nicht zu machen. Ich war noch recht naiv und mir fehlte die Motivation dazu. Allerdings folgte daraufhin eine Zeit, in der ich einfach pech hatte. Egal, was ich tat und egal wie sehr ich mich anstrengte, es fiel mir immer mehr auf, dass ich unsicherer wurde. Es gab eine Diskrepanz zwischen dem Bild, was ich von mir im Kopf haben wollte und meinem tatsächlichen Erscheinungbild. Ich bin groß, schlank und ich hielt mich auf keinen Fall für hässlich, aber mein Gebiss machte sich in der Art, wie ich rede und in Profilbildern deutlich bemerkbar. Das führte im Alter von 19-20 Jahren dazu, dass ich hin und hergerissen war und mich an Beziehungen klammerte, andere wichtige Beziehungen dagegen mit den Füßen trat und mich nicht mehr selbst mochte. Ich konnte nicht verstehen, wie mich jemand in so einer Form lieben könnte und ließ die Liebe anderer schwer zu. Also entschloss ich mich auf eigene Fast, mich am UK operieren zu lassen. Es war mein Plan und ich zog ihn alleine durch. Nur meine Schwester und Eltern wussten davon, was natürlich sein musste. Aber keinen meiner Freunde oder Bekannten erzählte ich davon. Als ich die Zahnspange bekam, spielte ich vor ihne mit einer fadenscheinigen Begründung herunter, was sie in ihrer Unwissenheit zufriednestellte. Ich fing ab diesem Zeitpunkt dennoch an, mich zu isolieren. Denn je seltener ich in Kontakt mit den Leuten kam, desto unauffälliger würde ich die Zeit mit der Zahnspange, OP und dem Drumherum hinter mich bringen können. Es traf vor allem viele weibliche Bekanntschaften von mir, die ich seit nun 1,5 Jahren nicht mehr kontaktiert habe, weil ich so nicht gesehen werden will. Auch alte Freunde besuche ich selten. Ich gehe nicht mehr auf große Partys wie früher und habe mich aus allen sozialen Netzwerken im Internet entfernt. Vorlesungen in der Uni besuche ich immer seltener, meist schlafe ich schlecht und die Zahnspange hat mir jeglichen Appetit auf Dinge wie Walnüsse, frische Äpfel und Ananas verdorben, die ich sonst so sehr mag. Stattdessen esse ich nur ungesundes Zeug, was sich leicht zubereiten und verdauen lässt. Ich bin verbittert geworden. Ich rege mich über Kleinigkeiten künstlich auf und ändere meine Meinung kurze Zeit später ohne Grund. In den letzten 2 Jahren habe ich fast meinen ganzen Humor verloren. Ich habe damals mit Witz und ein wenig Chamre so viele Freunde und Freundinnen zum Lachen gebracht, nun rede ich nur noch belangloses Zeug daher. Ich bin nicht mehr so frech wie früher, sondern rede nur noch über die immer gleichen Themen. An meinen letzten Urlaub kann ich mich gar nicht mehr errinern. Es fühlt sich so an, als hätte ich Jahre nicht geschlafen, obwohl ich heute den ganzen Tag im Bett lag. Und das Schlimmste ist, dass ich so antriebslos geworden bin. Ich kann mich zu nichts mehr aufraffen, ich kann nicht grinsen und die Leute, die mich fragen würden, wie es mir geht, habe ich solange ignoriert, dass sie irgendwann aufgehört haben, mich zu kontaktieren. Doch in all dieser Trist gibt es einen Schimmer der Hoffnung für mich.

Im letzten Sommer war die OP und sie verlief gut. Ich habe alles toll überstanden und bin zufrieden mit dem Ergebnis. Niemanden ist ein Unterschied aufgefallen, ich habe mich aber auch in diesem Zeitraum mit einer Ausrede (ironischerweise Urlaub) rar gemacht. In einem Monat kommt die Zahnspange heraus. Ich habe mir vorgenommen, so viele Leute wieder zu treffen und mich bei ihnen zu entschuldigen. Ich will endlich wieder Fußball mit unserer Mannschaft spielen. Trotz der ganzen Isolation habe ich insgeheim an mir gearbeitet. Ich habe mir Kontaktlinsen gekauft, um draußen gut zu sehen und nicht meine Augen zusammenkneifen zu müssen. Mein Kleiderschrank besteht zum Großteil aus tollen Klamotten, in denen ich mich endlich wohlfühle und ich werde für meinen guten Stil häufig gelobt (früher trug ich nur Schlabberpullis und graue Hosen, jetzt schöne Hemden, Mäntel und Jeans). Ich habe ein tolles Parfüm und irgendwie wirke ich auf meine Mitmenschen, wenn ich mal den Kontakt suche, ein wenig anziehender, so scheint es mir. Ich richte mein Zimmer immer besser ein und kann bald meine Freunde endlich zu mir einladen. Und ich werde nicht mehr so häufig krank wie noch vor der OP. Diese hat irgendwie mein Immunsystem gestärkt. Die jetzige Kälte macht mir nichts aus und auch Erkältungen usw. machen mir keine Probleme.

Es sind nur noch wenige Wochen, die ich irgendwie überstehen werde. Und dann will ich mein Leben endlich leben, vielleicht auf eigene Faust in einer neuen Stadt, aber sicherlich mit viel Engagement und Eifer.

Ich wollte mir das alles nur von der Seele schreiben. Vielen Dank fürs Lesen und ich hoffe, dass diese schwierige Zeit jeder von uns schafft. Sowas prägt den Charakter manchmal mehr als das eigene Profil!!!

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Dein Beitrag bewegt mich sehr! Danke! Es wird immer so oft geschrieben, dass es nicht schlimm ist als Erwachsener mit einer Zahnspange zu leben. Dass die Kieferfehlstellung viel schlimmer sei. Ich finde es schrecklich.

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Lieber goro,

Dein Beitrag hat mich sehr bewegt und macht mir gerade jetzt auch ein wenig Mut den Weg weiterzugehen.

Hoffnung- Du hast Recht, die verbinden wir wohl alle mit dem eingeschlagenen Weg. Ich ganz konkret die Hoffnung im Anschluß an die Behandlung frei von Gesichtsschmerzen zu sein und einmal wieder in den Urlaub fahren zu können, ohne einen Berg an Schmerzmitteln mitzunehmen oder zu denken: "Hoffentlich passiert nichts" oder mich am Urlaubsort umzuschauen, ob ein Arzt für den Notfall in der Nähe ist. Meistens ist das die grösste Hürde, weil sich nur wenige mit dem Krankheitsbild auskennen.

Bis dahin wird es sicher noch ein weiter Weg, denn meine Op war erst vor Kurzem und im Moment habe ich noch doll an der Schmerzproblematik zu knabbern.

Dir wünsche ich alles alles Gute und das alle Deine Vorstellungen in Erfüllung gehen. Es wäre schön, mal zu hören, wie es Dir ergangen ist.

LG Mona

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Hey =)

Teilweise haben deine Worte auch irgendwie auf meine Situation zugetroffen...

Ich hoffe dir geht es jetzt viel besser und du kannst endlich positiv in die Zukunft schauen!! :)

Grüße =)

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Danke, Goro, dass du so offen deine Geschichte erzählst und einmal ganz von ganz anderen "Nebenwirkungen" der Zahnspange berichtest.

Ich wünsche dir einen guten Start in dein neues Leben, denn als solches scheinst du es zu betrachten!

Alexandra

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oh je,das könnte ich auch geschrieben haben....ich hatte damals die behandlung genau aus dem grund abgebrochen,ich bin damals gerade 18 geworden,konnte also eigentlich endlich legal feiern gehen,leute kennenlernen,naja was man eben so macht wenn man gerade "erwachsen" geworden ist.....mein 18ten lebensjahr war jedoch alles andere als lebenswert....das forum,das ich teilweise besuchte,sprach dinge an wie "ich habe meine freundin erst durch die zahnspange kennengelernt." "der kontakt war leicht,da alle sich für meine spange interessierten" .....ich konnte das nie verstehen und bei mir war das auhc nicht der fall.wahrscheinlich liegt es auch daran dass gerade leute in dem alter ziemlich oberflächlich sind! es gab "für mich" schlimme kommentare,alleine kleinste sachen wie "öh warum lachst du nicht über den witz,so kindisch und ne zahnspange tragen kannste ja auch noch" .....ich konnte noch so schöne sachen anziehen,ich schminken uns stylen und versuchen rauszugehen,aber meine zahnspange war immer noch da....und offen für eine beziehung wäre ich in der zeit garantiert nicht gewesen,von wegen "man wird ja so schnell angesprochen" ......es folgte ein jahr in dem ich nur noch zuhause war,es kam vielleicht im ganzen jahr vor dass ich 2 mal ausgegangen bin,und da habe ich mich einfach nur schlecht gefühlt....keiner konnte mich verstehen,und große lust jemanden außer meine engsten freunde zu treffen hatte ich auhc nicht,und das waren auch nur mädels!ich ging damals noch zur schule und wenn ich was aß versuchte ich es so das es keiner sehen konnte,vor allem wenn nachher was in der spange hängen blieb.....kam es mal vor das irgendwelche leute rüber geguckt haben und gelacht haben,dachte ich gleich es ginge über mich und die dämliche spange....naja ich könnte noch stunden erzählen,aber ich danke für deinen beitrag!

meine kfo konnte mich damals keinmal verstehen,obwohl ich oft genug heulkrämpfe dort hatte,die einzige die mich verstehen konnte und mich getröstet hat war eine assistentin,die bestimmt erst 25 war!an meiner bimax war nicht das schlimmste die schmerzen,sondern das psychische....natürlich sah ich nach der op schrecklich aus und hatte auch noch längere zeit geschwollene wangen,das war aber ertragbar,mit der spange konnte ich mich nie abfinden!allein aus den gründen hätte ich mir eine op besser überlegen müssen,viele bekamen ja die spange schon 3 monate nach der op wieder raus,naja ich dachte bei mir wird das auhc schon stimmen,und dann zog sich alles über ein jahr lang in die länge....

ein kostbares jahr habe ich somit also weggeschmissen!

bearbeitet von M@y@

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So, ich melde mich wieder.

Mittlerweile ist die Spange raus und auch die Platten. Ich habe jetzt zwar noch ein paar Tage Schwellungen, aber ich fühle mich dennoch wohl und hoffe, das verheilt jetzt noch schön zu ende. Seit der Entnahme kann ich sehr gut schlafen und ich freue mich immer mich im Spiegel anzusehen. Mein Arzt ist mit dem Ergebnis auch sehr zufrieden. Die OPs und die Zahnspange haben sich gelohnt. Ich wünsche euch allen, dass auch ihr den harten Weg meistert.

Euer Goran "goro"

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Hallo,

ich finde es immer furchtbar schade, wenn ich lese, dass jemand sich aufgrund der Spange sozial isoliert. Ich bin echt nicht mit großem Selbstbewusstsein gesegnet, aber trotzdem mach ich alles, wirklich alles, was ich ohne Spange auch machen würde und bisher gemacht habe. Es ist doch sowieso schon eine schwere Zeit, da sollte man erst recht Freundschaften pflegen und das Leben genießen.

Die Niedergeschlagenheit bzw. Depressionen kommt dann, denk ich, nicht von der Spange an sich, sondern durch die Isolation.

Was sind denn das für Freunde, von denen man sich zurückzieht, nur weil man mal ne Zeit lang nicht ganz so hübsch ist? :-x:?:

Die einzige Einschränkung ist wirklich das Essen. Man kann sich aber schon gesund ernähren. Gemüse kann man ja weich kochen.

Lasst euch doch nicht die Lebensfreude nehmen nur wegen ner blöden Zahnspange!

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