Golemia

Wenn Kiefer Leben prägen

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Präzis kann ich mich an einen Moment aus sehr früher Kindheit erinnern: Ich erblickte mich das erste Mal seitlich in einem Spiegel und erschrak gewaltig - ich sah von der Seite nicht aus wie ein ‘normaler Mensch’! Sofort ging ich über zu: Das bin nicht ich! Seit damals übte ich mich darin, mein eigentliches Aussehen zu verdrängen und an der Illusion zu bauen, ‘alles wäre in Ordnung’. Ganz gelang es nie.

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Im Schulalter erhielt ich eine herausnehmbare Zahnspange, welche ich fast zehn Jahre trug. Zwei Zähne wurden einseitig gezogen, wodurch sich eine beachtliche Asymmetrie entwickelte. Auch die zwei oberen Weisheitszähne wurden entfernt. (Unglücklicherweise, wie eine andere Fachkraft später meinte.)

An Halsschmerzen laborierte ich ständig, insbesondere im Winter konnte ich morgens kaum sprechen. Um Kinn und Unterkiefer ‘vorzutäuschen’ reckte ich den Hals absurd vor, was mir neben der Kieferanomalie eine furchtbare Fehlhaltung einbrachte.

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In Jugendjahren fiel mir ein Buch über das Training von erschlafften (Gesichts-)muskeln in die Hände, und da ich unter meinem verkümmerten Gesicht nicht wenig litt, klemmte ich mich dahinter. Ich entdeckte, richtete ich den Nacken auf anstatt ihn in komischem Winkel zu überstrecken, wanderte mein Kiefer fast automatisch weiter nach vorne, was mir eine physiologischere Lage erschien. Mit etwas Training gelang mir, ihn längerfristig ‘vorverlagert’ zu halten, ich bekam besser Luft, und meine Profilansicht veränderte sich zum Positiven. Haken an der Sache war, dass sich bei dieser Posse (die ich stundenlang praktizierte) mein eigentlicher Überbiss ins Gegenteil verkehrte, die unteren Zähne die oberen überragten, mein Aussehen selbstverständlich verkrampft und auf andere Art und Weise seltsam wirkte.

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Mit dem Internet fing ich ins Stöbern an; ich erfuhr, dass ich mit meinen Problemen, die ‘ein normaler Mensch nicht kannte’, gar nicht allein auf weiter Flur war, es möglicherweise sogar Hilfe für uns gab. Auch wenn mein Umfeld ‘Schönheitsoperationen’ verdammte (zwanzig Jahre lang wagte ich nicht zu verlautbaren, dass mich etwas an meinem Aussehen irritierte), fand ich mich zur Beratung bei einer Kieferchirurgin wieder. Sie meinte, mit einer Genioplastik wäre mir geholfen; ich war entzückt, dass eine reine Kinnvorverlagerung bei meinen immensen Schwierigkeiten reichte.

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Mit der Genioplastik lebte ich weit glücklicher als zuvor. Trotzdem mochte ich es nicht unterlassen, den Unterkiefer wie beschrieben vorzudrücken. Bei einer Nachkontrolle fragte ich meine Chirurgin, was es damit auf sich hätte. Ihren in den Bart gesäuselten Satz, sie habe die Kieferrücklage ‘leider erst während der Operation’ erkannt, will ich nichts hinzufügen. (Unwillkürliche) Ehrlichkeit sollte nicht bestraft werden.

Die lose Zahnspange trug ich zu diesem Zeitpunkt seit ungefähr einem Jahr nicht mehr. Mein ehemaliger Zahnarzt titulierte die Behandlung mit ‘es sehe besser aus als zuvor’ als abgeschlossen. Von einem zufriedenstellenden Ergebnis freilich war der Abschluss weit entfernt. Die ‘korrigierten’ Zähne begannen immer windschiefer zu werden, das Zeitalter der festen Spange ward eingeläutet.

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Um die mir (durch das einseitige Reißen) aufgepropfte Asymmetrie auszugleichen, wäre im Oberkiefer ein Zahnimplantat indiziert gewesen, aber auf Grund des Zahnfleischschwunds, den ich mittlerweile hatte, lege mir mein neuer Kieferorthopäde nahe, darauf zu verzichten. Wären die oberen Weisheitszähne noch vorhanden gewesen, hätte man sie angeblich nach vorne lotsen können, und damit eine befriedigerende Ästhetik erlangen.

Die ‘versäumte’ Unterkiefervorverlagerung nachzuholen, hatte mir meine Operateurin ans Herz gelegt, so wurde mein Gebiss auf den nächsten Eingriff vorbereitet. Die durch die herausnehmbare Spange brutal nach vor gedrängten Zähne wurden wieder zurückdirigiert. Sowie - notwendig für den Erfolg der Operation - ein weiterer Zahn des Unterkiefers geopfert.

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Ohne Zahnimplantat bestand die Asymmetrie im Oberkiefer klarerweise weiterhin. Stören tat sie mich nicht sonderlich; die Professorin jedoch gewaltig. Spontan entschloss sie kurz vor der Operation, sie mache eine bimaxilläre Verlagerung notwendig. Zunächst freute ich mich darüber, denn logisch erschien mir: Wird auch der Oberkiefer miteinbezogen, kann der Unterkiefer - um dessen Streckung es mir schließlich vor allem Übrigen ging - umso weiter nach vorne verlagert werden. Meine Logik hat mich betrogen. Was genau wie schief lief verdient ein eigenes Kapitel, und ich gedenke es in absehbarer Zeit zu schreiben.

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Dem Ergebnis der Operation gebührt meines Erachtens der Name nicht: Ich fühlte mich betrogen und geschädigt. Ich stand vor der Wahl, zu kapitulieren oder Zeit, Geld und Nerven zu investieren und vorwärts zu gehen. Und nachdem ich mich von Kindesbein an missgestaltet fühlte, ich ob des ‘komischen’ Profils, im Hundertachtziggradwinkel zu meiner persönlichen Ästhetik gelegen, regelmäßig verspottet wurde - die Fehlstellung kurzgesagt mein ganzes Leben negativ beherrschte, und es noch immer tat - fand ich, ich hätte mir einen anderen Abschluss als ein ‘Un-Ergebnis’ verdient.

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So wurde ich vor nicht ganz zwei Monaten ein drittes Mal operiert und denke nicht, dass ich es jemals bereuen werde.

Kein 08/15 Mensch von der Stange, freue ich mich trotzdem, endlich ein ‘normales’ Gesicht mit allen Bestandteilen, die für mich dazugehören, zu besitzen.

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Hallo Golemia!

Das ist wirklich eine sehr bewegende Geschichte. Zwar eine die für dich ja glücklicher Weise schlussendlich ein Happy End hatte, aber du musstest verdammt lange drauf warten, lange kämpfen und hast ja scheinbar etliche Rückschläge gehabt. Wie kann denn eine Chirurgin erst während der OP die Fehlstellung bemerken??? Unglaublich! Sowas macht einen doch wütend! Oder die Fehlentscheidung die Weisheitszähne zu ziehen...

Du hast ja am Anfang geschrieben, dass Schönheits-OP's etc. eher ein Tabuthema waren...hat dein Umfeld dich denn unterstützt, als du dich für den Weg entschieden hast?

Wie alt bist du denn, wenn ich fragen darf?

Gruß, Wiebi

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Hallo Golemia,

du besitzt wirklich Kraft und Kampfgeist. Wünschte, ich hätte ein wenig mehr davon. Bin gespannt auf deine Geschichte.

Mir ging es übrigens ähnlich mit der Rück-/Vorverlagerung des UK, nur dass ich keine Probleme mit dem Kinn habe. Leider dafür Probleme mit den Kiefergelenken. Der letzte KFO, der mich behandelte, hatte entweder den distalen Zwangsbiss verkannt, was ich mir nicht vorstellen kann, oder, was ich eher annehme, von Anfang an eine Behandlung geplant, die niemals zu irgendeinem Erfolg hätte führen können. Er hat die Rücklage des UK so korrigiert, dass er die 2. Prämolaren entfernte und die 1. und 2. Molaren (WHZ fehlten) nach vorne in diese Lücke zog. :-(

Dabei war ihm - so seine Worte - vom vorbehandelnden ZA gesagt worden, dass der UK nach vorne gezogen werden müsse. Und dieser Mensch hat ihn hinten fixiert.

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@Wiebi

Danke für deine Antwort!

Moralische Unterstützung hatte ich leider nie. Mein Umfeld teilt mein eher freigeistiges Denken nicht, was es schwierig macht, ein Gespräch zu führen, in dem mir, nur weil ich mitteile, was ich empfinde, nicht - unverblümt gesagt - der Vogel gezeigt wird.

Zunächst musste ich mir selbst eingestehen, das Resultat aus Wien war keines, mit dem ich den Rest meines Lebens bestreiten wollte. Dann hatte ich meiner Familie mitzuteilen, das Ende der ‘elendiglichen Kiefersache’ war noch immer nicht erreicht. Daraufhin stand meine Mutter Kopf. Es folgte monatelanger Streit, denn nun hielt ich den Mund nicht mehr, und was ich zu sagen hatte, war nicht erwünscht, wenn auch längst überfällig. --> Es begann mit der unglückseligen Operation, aber in dieser an sich schrecklichen Zeit kam viel zuvor Verschwiegenes ans Licht. Ich hatte das Gefühl, bevor sie sich besserte, musste die (familiäre) Situation erst einmal schlimmer zu werden. Heute sind wir offener zueinander.

Hoch rechne ich meiner Mutter an, mir trotz ihrer Angst und Abneigung gegenüber ‘dem Schönheitswahn’ finanziell zu helfen. Ich bin Mitte Zwanzig, und normalerweise kann man sich eine Reparatur, wie ich sie kürzlich hatte, als junger Mensch nicht leisten.

Ach ja, zu meiner Erstchirurgin, welche die operationswürdige Fehlstellung nicht gleich erkannte - es ist traurig und hoffentlich ein Ausnahmefall. (Selbstverständlich war es allein meine Schuld, keine weiteren Meinungen einzuholen.) Der ‘Clou’ der Angelegenheit ist allerdings, was zwei Jahre später folgte: Nach der anschließenden, für mich fatalen Kieferoperation, hielt ich es für mein Recht (und auch meine Pflicht), der Professorin ihre - über das Wort regte sie sich sehr auf - Fehler ‘beinhart’ aufzulisten. Ich sprach, ich würde es als ihren ‘Fehler’ erachten, mir ursprünglich nur eine Genioplastik angeboten zu haben, woraufhin ich unverzüglich zum Lügner mutierte. Die Dame versteifte sich, mir sogleich eine ‘komplette’ Kieferoperation offeriert zu haben, welche ich angeblich ablehnte. - Ich verstehe, man kann nicht jeden Patienten im Kopf haben (vielleicht verwechselte sie mich auch mit einem anderen Fall?) aber vor der ganzen Mannschaft, die sich verständlicherweise auf ihre Seite schlug, als verlogen dazustehen, weil man die Wahrheit spricht, ist nicht angenehm. Verletzend und beleidigend weit eher.

(Zu meinem Glück besitze ich den ersten Behandlungsvorschlag - die Genioplastik - noch immer. So konnte klar bewiesen werden, wer hier im Irrtum, und wer kein ‘Lügner’ war.)

bearbeitet von Golemia

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@Dagmar

Es ist erschütternd, wieviel in ‘der Branche’ schief läuft!

Vielleicht sollten sich alle Geschädigten zusammenrotten und - ‘Aug’ um Aug’ und Zahn um Zahn’ - den Anzettlern des Schlamassels eine Kostprobe ihrer eigenen Medizin zukommen lassen. :90:

Was ich real raten kann?

Selbstverständlich zu versuchen, das Streben nach Besserung nie aufzugeben. (Leicht gesagt und schwer getan.) Andererseits akzeptieren lernen, dass es das ‘vollkommene’ Ergebnis nie geben wird. Missstände sind dazu da, geändert zu werden - sofern dies im Bereich des Möglichen liegt.

Vielleicht kann mein Fall dir und allen ein wenig Mut machen. - Ich fühlte mich als Kind entstellt, und jetzt, über zwanzig Jahre später, nachdem ich die Hoffnung nach der ‘in die Hose’ gegangenen zweiten Operationen schon zu Grabe tragen wollte, habe ich doch ein Gesicht errungen, mit dem ich mich abfinden und leben kann.

bearbeitet von Golemia

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... es drängt mich regelrecht mich an dieser Stelle zu Wort zu melden.

Dein Beitrag hat mich sehr berührt, da ich -wie Du bereits weisst- in einer ähnlichen Lage bin. Darüber hinaus hast Du einen sehr fesselnden und individuellen Schreibstil. Nutze Dein Talent und bringe Deine "Leidensgeschichte" zu Papier. Ich kann mir sehr gut vorstellen, dass dieses Thema auf Interesse stößt. Ich stehe inzwischen mit vielen Geschädigten in persönlichem Kontakt und es drängt uns allen nach "Veröffentlichung" unseres Leides zum einen um Andere vor einem folgenschweren Fehler zu bewahren zum anderen um unseren "Schädigern" Ihr ärztliches aber noch viel schlimmer menschliches Versagen vor Augen zu führen.

Du gibst mir und vielen anderen Geschädigten Hoffnung.

Berichte weiter über Deine Erfahrungen Du kannst damit in diesem Forum einiges in Gang setzen...

bearbeitet von Susine

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Vielen Dank, Susine. Dass meine Geschichte anderen Menschen Kraft gibt, ist das schönste Lob, das ich mir vorstellen kann.

Um ganz ehrlich zu sein - ich bin bereits dabei, ein Buch zu schreiben. Es ist nur ein Hobby, aber wer kann vorhersagen, was einmal daraus wird? Seit ich mir - soll es ruhig dumm und dramatisch klingen - die Haare zusammen binden kann, ohne mich sofort ‘ausgeliefert’ (oder zumindest höchst unwohl) zu fühlen, will ich nichts mehr für unmöglich halten. Das Werk hätte tatsächlich autobiographischen Hintergrund, so würde sich das Thema ‘Kieferfehlstellung’ auf jeden Fall darin finden.

bearbeitet von Golemia

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Hey Golemia und Herzlich Willkommen bei Progenica,

es tut mir wirklich leid, dass bei dir so vieles schief ging. Zum Glück hat sich bei dir alles zum Guten gewendet.

Ich habe auch ein Überbiss, der in 5 Wochen korrigiert wird. Komischerweise habe ich die Fehlstellung selbst relativ spät gemerkt, denn wann guckt man sich schon mal von der Seite an.

Ich geh mit gemischten Gefühlen auf den Termin zu. Einerseits habe ich Angst, dass etwas schief geht, andererseits freue ich mich schon so sehr auf das Profilbild, sodass ich, so wie du es auch mal getan hast, öfters mal mit vorgestrecktem Unterkiefer lange in den Spiegel gucke und sogar so auf der Straße so rumlaufe. Besonders in Gegenwart von Frauen mache ich es, damit ich etwas markanter wirke.

Ich bin Froh wenn das alles Vorbei ist, denn Momentan ist es für mich auch eine Qual.

Deine Formulierungen sind echt sehr gut. Manchmal musste ich jedoch 2 mal lesen, damit ich es verstehe. ^^ Vielleicht doch etwas zu hoch für mich. :P

Grüße Basti

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Danke für die Willkommensgrüße, Bastl. Und viel Glück für die bevorstehende Operation! Du wirst sehen, es ist schön, wenn der Kiefer ‘fix’ vorne hält, man sich nicht mehr genötigt fühlt, ihn in Orang Utan - Manier vorzurecken.

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