Zuletzt bearbeitet: Apr 6, 2014 | Author: lma

Angle-Klasse II/1

Distalbiss oder Rückbiss

Die Angle-Klassen sind ein zahnmedizinisches Ordnungssystem, um Kieferfehlstellungen nachvollziehbar zu diagnostizieren und entsprechend zu bewerten. Angle-Klasse II/1 gehört zu den häufigsten.

Die Angle-Klassen: ein langbewährtes System

Entwickelt wurde das System bereits Anfang des 20. Jahrhunderts von dem amerikanischen Kieferorthopäden Edward H. Angle. Es hat bis heute seine Gültigkeit behalten und besteht aus 3 Klassen: Klasse I (Neutralbiss), Klasse II (Distalbiss) und Klasse III (Mesialbiss).

Angle-Klasse II – generell bekannt als der "Überbiss"

Als Angle-Klasse II bezeichnet man grundsätzlich einen zu großen Überbiss, der dann noch – je nach Stellung der Schneidezähne – zwischen Angle-Klasse II/1 und Angle-Klasse II/2 unterschieden wird. Diese Klasse mit zurückliegendem Unterkiefer ist die am häufigsten vorkommende Kieferfehlstellung und tritt sehr oft mit einem gleichzeitigem tiefen Biss auf.

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Bei der Angle-Klasse II/1 beißt der vordere Höcker des ersten großen Backenzahns im Oberkiefer vor den ersten großen Backenzahn im Unterkiefer. Man spricht daher auch von einem Distal-Biss, also einem Aufbiss, der viel zu weit in Richtung des Zahnreihen-Endes verschoben ist.

Die Ursachen des Distalbisses

Das sichtbarste Anzeichen der Angle-Klasse II/1: vorstehende Schneidezähne

Bei dieser Einteilung stehen bei den Patienten die oberen Schneidezähne nicht gerade, sondern sind nach außen gekippt. Dadurch fällt z.B. oft das Abbeißen sehr schwer. Diese Fehlstellung zeigt sich leider auch im Gesichtsprofil und belastet viele Patienten sehr: Die vorstehenden Zähne wirken oft zu groß und werden als „Hasenzähne“ interpretiert. Der Grund für diese Fehlstellung ist meist ein zu weit zurückstehender Unterkiefer (mandibuläre Retrusion) bzw. ein zu weit vorstehender Oberkiefer (maxilläre Protrusion).

Die Ursachen des Distalbisses

Die Angle-Klasse II/1 hat meistens keine genetisch bedingten Ursachen, sondern entwickelt sich durch äußere Faktoren. So führt ein über das dritte Lebensjahr hinausgehendes, intensives Daumen- oder Fingerlutschen durchaus zu einem allmählichen Vorstehen oder Vorkippen der oberen Schneidezähne, zu einem oberen Schmalkiefer und zu einer Unterkieferrücklage. Werden dann auch noch Lippen- oder Wangensaugen zur Gewohnheit, können sich die Anomalien noch verstärken.

Weitere Ursachen

  • Mundatmung
  • Vererbung (skelletaler Aufbau, Lippenkonfiguration vererbbar)

Da die Symptome für einen Distalbiss vielschichtig sind, müssen nicht immer auch alle vorhanden sein. Typisch sind aber:

  • Vorschieben der Oberkieferfrontzähnen
  • Unterkieferrücklage
  • Oberkiefervorlage
  • Oberer Schmalkiefer
  • Tiefbiss
  • offener Mund, Mundatmung
  • Unterlippe hinter OK-Schneidezähnen
  • nicht vollständiger Lippenschluss

Ein Distalbiss birgt auch allg. Gesundheitsrisiken:

  • Die Häufigkeit, an einem Infekt der Atemwege zu erkranken, steigt, weil mehr durch den Mund geatmet wird und die Luftreinigung durch die Nase fehlt
  • Wegen intensiver Mundatmung kommt es zu einer häufigen Austrocknung des Mundes. Das kann Karies begünstigen
  • Schnarchen

Die Therapie des als Angle II/1 eingestuften Distalbisses

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Therapieziel Nr. 1 ist immer, dass als schlechte Gewohnheit eingestufte Lutschverhalten, also Daumenlutschen, Mundatmung sowie das Lippen- oder Wangensaugen, abzustellen. Wenn keine pädagogischen Maßnahmen wie z.B. das Erstellen eines Lutschkalenders helfen, gibt es auch medizinische Möglichkeiten: so eignet sich in hartnäckigen Fällen z. B. eine Mundvorhofplatte, ein einfaches Umwickeln des Lutschfingers oder eine Mundbinde zur Unterstützung der Nasenatmung.

Der Distalbiss wird meistens mit sogenannten FKO-Geräten (funktionskieferorthopädische Geräte; Funktionskieferorthopädie) behandelt. Dazu gehören:  Aktivator, Bionator, Funktionsregler nach Fränkel, Vorschubsdoppelplatte.

Um eine Zahnkorrektur therapiegerecht einleiten zu können, müssen diese Geräte von den jungen Patienten mindestens vier bis sechs Stunden am Tag sowie über Nacht getragen werden. Nach einer Eingewöhnungszeit von mindestens drei Monaten sollte das Gerät nach Möglichkeit länger, d.h. auch in der Schule, getragen werden.

Bei richtiger Anwendung und je nach Ursprungsbefund beträgt die durchschnittliche Behandlungszeit bis zum Erreichen eines harmonischen Zahnstandes bei allen Geräten etwa zwei Jahre.

 

FKO-Geräte: Nichts für Große

Wichtig bei der Therapie mit FKO-Geräten ist der Zeitpunkt der Therapie: eine Kieferkorrektur kann nur stattfinden, während sich der Körper noch in einer Wachstumsphase befindet. Für Erwachsene besteht daher keine Möglichkeit der Bissumstellung. Unter bestimmten Umständen ist es aber möglich, durch das Entfernen von Zähnen und mittels einer festsitzenden Zahnspange oder -Klammer den Biss noch zu korrigieren. Meistens sind die Möglichkeiten aber so beschränkt, dass nur ein kieferchirurgischer Eingriff Erfolg verspricht.

[Weiterführendes]

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Quick Facts

  • Bezeichnet den Distalbiss

  • Der Aufbiss ist zu weit in Richtung Zahnreihen-Ende verschoben

  • Sichtbarstes Anzeichen: vorstehende Schneidezähne

  • Ursache: meist schlechte Gewohnheiten wie Daumenlutschen etc.

  • Im Jugendalter mit FKO-Geräten gut korrigierbar