Zuletzt bearbeitet: Apr 19, 2014 | Author: lma

Kieferorthopädisch-kieferchirurgische Behandlungen

Eine kieferorthopädisch-kieferchirurgische Behandlung ist, wie der Name schon sagt, eine Kombination aus einer kieferorthopädischen und einer kieferchirurgischen Behandlung. Sie wird dann notwendig, wenn durch eine kieferorthopädische Behandlung mit Zahnspangen allein keine befriedigende Korrektur der Zahn- und Kieferfehlstellung erfolgen kann.

Die kombinierte Therapie für mehr Erfolg

Je später die Behandlung beginnt, umso größer ist der Aufwand

Die kieferorthopädische Behandlung von Kieferfehlstellungen wird am ehesten während der körperlichen Wachstumsphasen durchgeführt. Dann kann in den allermeisten Fällen eine vollständige Korrektur der Kiefer zueinander erfolgen. Nach abgeschlossenem Wachstum, also nach der Pubertät, kann im Wesentlichen nur noch eine Zahnstellung durch Spangen beeinflußt werden. Es erfolgt eine sogenannte orthodontische Korrektur, das heißt, eine Verbesserung der Zahnstellung.

Die kombinierte Therapie für mehr Erfolg

Doch es gibt Fälle, da hilft eine kieferorthopädische Behandlung alleine nicht weiter – dann nämlich, wenn die Harmonie der Gesichtsästhetik fehlt und die Lippenstellung oder die Mimik das Gesicht verunstalten. Grund sind oft ererbte oder durch einen Unfall entstandene Fehlbildungen im Kiefer-Gesichtsbereich, sowie nicht während des Wachstums behandelte Fehlstellungen mit wesentlichen Veränderungen der knöchernen Kieferteile und des umgebenden Gewebes. Häufig sind zudem das Sprech- und Kauvermögen sowie die Atmung beeinträchtigt. Diese Fehlstellungen können meist nur durch eine kombinierte kieferorthopädisch-kieferchirurgische Behandlung zufriedenstellend korrigiert werden.

Kombinierte kieferorthopädisch-kieferchirurgische Eingriffe sind oft nötig bei:

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Bei zu großem Unterkiefer oder zu kleinem Oberkiefer (Progenie)

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Bei stark zurückliegendem Unterkiefer (Retrognathie)

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Bei einem Tiefbiss mit schmerzhaftem Einbiss in die Gaumenschleimhaut

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Kieferbedingtem offenen Biss

Ein optimaler Behandlungserfolg ist das Ergebnis perfekter Zusammenarbeit

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Schon bei der ersten Beratung beim Kieferorthopäden erfahren viele Patienten, ob eine Fehlstellung nur durch eine kombinierte kieferorthopädisch-kieferchirurgische Behandlung erfolgreich behandelt werden kann.

Die Kieferchirurgie und die Kieferorthopädie haben sich in den letzten 20 Jahren entscheidend weiterentwickelt. Der Operationsaufwand wurde in den letzten Jahren durch den Einsatz moderner OP-Verfahren (z.B. mit Miniplatten) deutlich kleiner und einfacher. Dies wirkt sich besonders auf den Heilungsverlauf, die Stabilität der Ergebnisse und den Komfort aus. Die Operationen werden zunehmend risikoärmer und gehören heute schon zu den Routineverfahren von speziell ausgebildeten Mund-, Kiefer-, und Gesichtschirurgen. In der Kieferorthopädie ist vor allem durch die Verbesserung der Behandlungstechniken mit festsitzenden Apparaturen ein großer Fortschritt erzielt worden.

Doch zu einem guten Behandlungserfolg gehören selbst bei der kombinierten Therapie vier: neben einer guten Zusammenarbeit zwischen dem Kieferchirurgen und dem Kieferorthopäden ist es vor allem ein zur Mitarbeit motivierter Patient, der das Ergebnis entscheidend beeinflussen kann.

In den letzten Jahren hat sich außerdem gezeigt, daß es zweckmäßig ist, wenn Physiotherapeuten den Kieferorthopäden und den Kieferchirurgen unterstützen. Kieferorthopäden arbeiten daher zunehmend mit Physiotherapeuten zusammen, die besondere Kenntnisse für die begleitende Behandlung der Chirurgie-Patienten haben. Die Physiotherapeuten werden vor und nach der Operation krankengymnastisch aktiv, um die Muskelzüge auf die neue Bisslage vorzubereiten und um nach der Operation zur Stabilisierung des Behandlungsergebnisses beizutragen.

Die Planung einer Kombinationsbehandlung

Zu den dringendsten Vorrausetzungen für eine erfolgreiche Kombinationsbehandlung zählen umfangreiche diagnostische Unterlagen: dazu gehören Informationen wie eine aussagekräftige Befundlage und eine detaillierte Liste der notwendigen Behandlungsmaßnahmen, die in der Regel vom Kieferorthopäden erstellt wird.

Die Vorbereitungen im Einzelnen:

  • Ein allgemeiner Funktionsbefund
  • Eine Untersuchung der Kiefergelenke
  • Eine Untersuchung der Muskulatur des Kausystems
  • Die Anfertigung von Kiefermodellen
  • Die Anfertigung von Röntgenbildern
  • Die Anfertigung von Gesichtsfotos
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Kiefermodelle aus Gips

 
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Röntgenbild (Hier: ein seitliche Schädelaufnahme)

 

Wichtig für Patienten: die eigenen Wünsche detailliert besprechen

Unter Berücksichtigung aller Befunde und der genauen Vorstellungen der Patienten wird der Kieferorthopäde das Ausmaß der kieferorthopädischen Behandlung sowie die anschließende Operation planen. Patienten sollten jetzt auch Ihre Wünsche und Erwartungen an die Behandlung äußern, damit diese bei der Behandlungsplanung berücksichtigt werden können: Was stört am meisten? Was soll auf jeden Fall verändert werden? Und was auf gar keinen Fall?

Vor Beginn der Behandlung werden die Patienten über alle geplanten kieferorthopädischen und kieferchirurgischen Maßnahmen informiert. Dazu gehört auch eine persönliche Vorstellung bei dem Kieferchirurgen, der später operieren wird. Dort erfährt man Einzelheiten zur geplanten Operation und über die Veränderungen, die anschließend das Gesicht betreffen, über die Risiken sowie die Länge des voraussichtlichen Krankenhausaufenthalts und der anschließenden Arbeitsunfähigkeit.

Abschließend wird der Behandlungsplanung zwischen Kieferorthopäden und Kieferchirurgen besprochen.

Die Durchführung einer Kombinationsbehandlung

Die allgemeinen Risiken einer kieferorthopädisch-kieferchirurgischen Kombinationsbehandlung:

  • Während der OP: Nervenverletzungen, atypische Frakturen
  • Kurz nach der OP: Wundheilstörung, Nachblutung
  • Später nach der OP: Knochenentzündung (Osteomyelitis), Bakterielle Entzündung (Aktinomykose)

Das Prinzip der kieferorthopädischen Vorbehandlung besteht darin, dass Zahnfehlstellungen korrigiert werden und der obere und der untere Zahnbogen soweit harmonisiert werden, daß sie nach einer Kieferumstellung wie Schloss und Schlüssel zueinander passen. Dabei kann es vorübergehend optisch zu einer Verstärkung der Fehlstellung und ggf. auch zu einer Verschlechterung der Kaufunktion kommen. Das aber gibt sich im weiteren Verlauf der Behandlung wieder. Die kieferorthopädische Vorbereitung findet in der Regel mit einer festsitzenden Behandlungsapparatur statt.

Nach erfolgter Vorbehandlung und nach erneuter Auswertung der neuerstellten Modelle, Fotos und Röntgenbilder, wird die Operation in einer Modelloperation gemeinsam mit dem Kieferchirurgen geplant.

Nach erfolgreicher Operation ist in der Regel eine kurze kieferorthopädische Nachbehandlung mit der festsitzenden Apparatur notwendig, um dadurch eine Optimierung der Zahnbeziehungen zu schaffen. Es folgt dann die Stabilisierungsphase (Retention) mit herausnehmbaren Zahnspangen, wie sie nach jeder Behandlung mit festsitzende Apparaturen erforderlich ist.

Der Ablauf der Operation – mit wenig Umständen viel erreicht

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Die kieferorthopädisch-kieferchirurgischen Eingriffe werden in Narkose durchgeführt. Alle Eingriffe erfolgen in der Mundhöhle, so daß keine äußeren Narben entstehen müssen. Anschließend ist in der Regel ein Krankenhausaufenthalt von 8 bis 10 Tagen erforderlich. Eine Arbeitsunfähigkeit besteht über den Krankenhausaufenthalt hinaus etwa für 2-4 Wochen.

In den ersten Tagen nach dem Eingriff dürfen Sie nicht rauchen, keinen Alkohol und keinen Bohnenkaffee trinken. Sie sollten die Oberlippen-/Wangenregion mit Umschlägen reichlich kühlen. Körperliche Anstrengung ist zu meiden und Sie sollten wenig sprechen.

Zur Fixierung der operierten Kieferteile werden Schrauben und Platten benutzt. Die eingesetzten Schrauben und Platten sind meistens aus Titan. Titan wird auch in anderen Bereichen der Medizin routinemäßig verwandt, z. B. auch für Zahn-Implantate. Die Kieferchirurgen empfehlen die operative Entfernung der eingesetzen Materialen nach frühestens 6 Monaten. Dazu ist in der Regel wiederum eine Allgemeinnarkose und ein Krankenhausaufenthalt von 3-4 Tagen notwendig. In Ausnahmefällen kann im Unterkiefer eine Materialentfernung unter lokaler Betäubung stattfinden.

In den ersten Wochen nach der OP ist Geduld gefragt

In den ersten Wochen nach der Operation sind Ober- und Unterkiefer miteinander verbunden, so daß eine normale Mundöffnung nicht möglich ist. Zur Fixierung wird ggf. ein sogenannter Splint eingesetzt, der die beiden Kiefer in ihrer neuen Situation stabilisiert. Zusätzlich werden Gummizüge zwischen Ober- und Unterkiefer eingehängt. Damit sind das Sprechen und die Ernährung zunächst eingeschränkt. In den ersten Tagen können Sie sich nur flüssig ernähren. Ein Aufbau der Kost über Suppen, Brei bis zu festeren Nahrungsmitteln erfolgt über einen Zeitraum von 6 Wochen. Dann sind die operierten Kieferteile so weit stabilisiert, daß sie wieder mit normaler Kost belastet werden können.

Viele Patienten erleben nach dieser Operation zum ersten Mal das Gefühl eines perfekten Zusammenspiels ihrer Kiefer und Zähne, was teilweise bedeutet, dass vormals gemiedene Nahrungsmittel z.B. nicht mehr mit den Seitenzähnen abgebissen werden müssen, sondern – wie bei jedem anderen Menschen auch – mit den Schneidezähnen

Das Fazit weckt Begeisterung und führt oft zu einem regelrechten Aufblühen: denn ein deutlich besseres Aussehen, insbesondere bei einem stark ausgeprägten oder deutlich unterentwickelten Unterkiefer, führt zu einer dramatischen Verbesserung der Lebensqualität.

Dieser Film beschreibt beispielhaft eine Operation bei einem rückverlagertem Unterkiefers

Was kostet ein neues Lächeln?

Die Kosten einer kieferorthopädisch-kieferchirurgischen Kombinationsbehandlung werden von den gesetzlichen und privaten Krankenkassen nach Einreichen eines Heil- und Kostenplanes in aller Regel getragen.

Einige Maßnahmen in der modernen Kieferorthopädie, die für die Planung und Durchführung einer so umfangreichen und ganzheitlichen Behandlung notwendig sind, gehören jedoch nicht zum Leistungsumfang der gesetzlichen Krankenkassen und werden nicht erstattet. Dazu gehören:

  • die manuelle Funktionsanalyse des Kiefergelenks und der Muskulatur
  • die instrumentelle Funktionsanalyse
  • das "Management-Visual-Treatment-Objektives" der Chirugie, kurz MVTO, ist eine zeichnerische Vorausplanung der kieferorthopädischen und kieferchirurgischen Therapie. Sie legt das erforderliche Behandlungsziel fest.
  • die erste Beratung beim Physiotherapeuten. Es hat sich gezeigt, daß es zweckmäßig ist, wenn Physiotherapeuten die Arbeit des Kieferorthopäden und des Kieferchirurgen unterstützen. Kieferorthopäden arbeiten deshalb mit Physiotherapeuten zusammen, die besondere Kenntnisse für die begleitende Behandlung der Chirurgie-Patienten haben. Die Physiotherapeuten werden Sie vor und nach der Operation krankengymnastisch betreuen, um Ihre Muskelzüge auf die neue Bisslage vorzubereiten und nach der Operation zur Stabilisierung des Behandlungsergebnisses beizutragen.

[Weiterführendes]

Verwandte Forenthemen

Quick Facts

  • Kombination aus kieferorthopädischer und kieferchirurgischer Behandlung

  • befasst sich mit der Verhütung, Erkennung und Behandlung von Fehlstellungen der Kiefer und der Zähne (Zahnfehlstellung)

  • Gesamtbehandlungszeitraum der OP ohne Vorbehandlung: über 6 Monate